Katalog RUNNING UP THAT HILL. Zeichnungen 2020 - 2022

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Anabel Leiner – Notationen der Erinnerung

Das Zeichnen ist nah am Jetzt, an dem wie Welt ist, wie sich Zustände anfühlen und regulieren. Wahrnehmungen & Reaktionen – das ist vielleicht das noise level der Arbeiten.
Anabel Leiner

Zarte Linien in leuchtenden Farben fügen sich zu Strichbündeln, verdichten sich zu Feldern, deren System wechselseitiger Ausrichtung von amorphen Strukturen aufgebrochen wird. Tastend schieben sie sich in die Formation und bringen die Ordnung zum Kippen. Aufgefangen wird der Umschwung von den ausschlagenden, neonfarbenen Frequenzkurven am unteren Blattrand der Zeichnung mit dem Titel if not now. Ein weiteres Gegengewicht setzen die zwei ovalen Formen in der Mitte des 100 x 100 cm messenden Blattes. Während die größere, grüne wie ein Depot mit einzelnen Elementen zeichnerisch gefüllt ist, rahmt die kleinere – scheinbar nichts. Sie verweist auf den Bildgrund und betont die Präsenz des Blattes, das hier nicht nur Bildträger, sondern vielmehr ein wesentliches Gestaltungselement ist. Denn statt eines Horror vacui, also der Scheu vor der Leere, begegnet in den Zeichnungen von Anabel Leiner der Mut zur freien Fläche. Diese bildet das ideale Hintergrundrauschen, vor welchem die feingliedrigen Linien die farbigen Akkorde anschlagen, sich kräuseln oder zielstrebig ausrichten können und lässt die samtige Materialität der mit Buntstiften bezeichneten Partien als Gegenpol umso mehr zur Geltung kommen. Die einzelnen zeichnerischen Setzungen wachsen dabei in und über den Bildraum und erschaffen eine abstraktes Gefüge, welches vielfache Assoziationen evoziert und doch nicht gestalthaft greifbar ist.
(…)

Text

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RUNNING UP THAT HILL
Zeichnen ist für mich ein Umreißen und Anreißen von Gedanken, Themen, Motiven, momenthaftes Kreisen - es fängt an zu schwirren und ist doch Stück für Stück eine Addition, diesmal weniger in Reihe als miteinander und übereinander, ein Reflektieren, Aufgreifen und Spielen, Reibungen, Räuberleitern der Arbeiten auch im möglichen Gegeneinander.
In kurzen Intervallen, die mir während der Pandemiezeit blieben, etwas schaffen, etwas mit etwas anreichern und damit weitermachen.
(…)
Es sind Zeichenprozesse als Aktionen, der Einstieg ins Bild ist überall möglich und es zu durchlaufen/ -sehen, ein immer anderes.
Manchmal gedankenvoll, übermütig – immer im Entstehen.

Anabel Leiner, September 2022


Artist Statement

Kunst ist ein Versuch zu sein, in all dem Gegenwärtigen, an Wänden und als Zeitgenossin mit einer anderen Sprache, die gelesen sein mag.
Künstler zeigen eine Durchlässigkeit, man kann nur tun und machen und wach sein, um sich zu verankern im Hier und Jetzt.
Ob das was Chronistisches hat – bestimmt, wenn auch eher als phänomenologischer Kommentar. Oder eben als Gegenentwurf.
... und leise ist es, weil es eben nur stattfinden, wirken und sich entwickeln kann, an einem Gegenüber, wenn es Raum nimmt, Wand nimmt, Zeit nimmt, sich reibt.